Steinau Newspaper Articles 1900-1919
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Steinau 1906
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Letters reveal challenges faced by former Steinauer colonists in Posen
Source: Evangelisches Gemeindeblatt für Galizien und die Bukowina, May 1906, p. 9.
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Briefe aus Posen.
Briefe, die von ehemaligen Bewohnern unserer deutschen Kolonie von Posen aus hierher gelangten, enthalten doch recht sonderbare Dinge. Am ärgerlichsten ist es für die ehemaligen Galizianer, dass die Leute, mit denen sie in ihrer neuen Heimat Posen zusammenleben müssen, den Feiertag so gar nicht heiligen. Man will ja gewiss nicht viel verlangen. Aber wenn nach guter galizischer evangelischer Sitte Sonntags zum Gottesdienst geht drüben in Posen, so muss man von Leuten, die Evangelische genannt werden, die ärgsten Spottreden anhören. Ja, es kommt vor, dass der Pfarrer dort fast allein mit ehemaligen Galizianern zusammen des Sonntags in der Kirche ist.
Jedenfalls nimmt es sich sonderbar aus, wenn angesichts solcher Tatsachen unsere galizischen Auswanderer drüben immer als eine Art minderwertige Kolonisten behandelt werden, und man sie gern als degeneriert bezeichnet.
Steinau 1906
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New trading hall
Source: Evangelisches Gemeindeblatt für Galizien und die Bukowina, Jul 1906, p. 10.
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Verkaufshalle.
Einen wichtigen Fortschritt hat unsere Gemeinde zu verzeichnen durch die Gründung einer christlichen Verkaufshalle. Fast alle evangelischen Grundwirte in Steinau sind Mitglieder unserer Verkaufshalle. Es ist darin alles zu haben, was man fürs Haus und für den landwirtschaftlichen Bedarf braucht. Von Woche zu Woche nimmt der Verkehr in der christlichen Verkaufshalle zu. Denn alle Evangelischen sehen es als Ehrensache an, ihren Bedarf an Waren nur da zu decken. Immer mehr lernen die evangelischen Glaubensbrüder einsehen, dass sie sich früher ganz ungehörig haben übers Ohr hauen lassen. Wir hoffen, dass die Evangelischen diesem gemeinsamen Unternehmen die goldene Treue bewahren werden. Nur dann kann auf die fröhliche Saatzeit eine befriedigende Ernte folgen. Vielleicht liegt in unserem Unternehmen auch ein Mittel, das evangelischen Gemeinden helfen kann, denen die Folgen der Auswanderungssucht zu schaffen machen. Wo unser Beispiel in anderen evangelischen Gemeinden Nacheiferungen erwecken sollte, da erteilen wir gern Auskunft, wie man es anfangen muss.
Steinau 1908
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History and statistics
Source: Deutsches Volksblatt für Galizien, 14.02.1908, p. 8.
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Statistisches.
Die deutsch-evangelische Kolonistengemeinde Steinau, welche von dem benachbarten Ort Kamien den Namen hat, wurde im Jahre 1784 gegründet; laut Hofdekret vom 4. Mai 1874 wurde sie dem Ranischauer Pastorat eingepfarrt. Die Ansiedler stammen größtenteils aus der Rhein- und Maingegend. Zur Zeit der Gründung waren 65 Nummern. In dem Ort ist eine einklassige evangelische Privatvolksschule mit deutscher Unterrichtssprache, welcher laut Ministerialerlass vom 15. November 1888, Zl. 19.160 das Öffentlichkeitsrecht verliehen wurde. Die Schule wird gegenwärtig von 24 nur deutschen evangelischen Kindern besucht, die polnischen Kinder des Ortes besuchen die öffentliche Schule in Kamien. An der hiesigen Schule wirkten bisher folgende Lehrer: Schulz, Bleich, Feg, Hülsenbächer, Schneider, Georg Gölner, Kraushaar, Wilhelm Gölner, Hermann, Friedrich Schneikart, Husak, Winter, Turek, Kutschera, Karl Müller, Paul Sikora, Jakob Müller und gegenwärtig Philipp Bechtloff. Die Predigten in der evangelischen Kirche der Gemeinde werden nur in deutscher Sprache abgehalten. Die Gemeinde zählt gegenwärtig über 500 Einwohner; davon sind nur noch 113 Deutsche und der Rest Polen. Durch die Auswanderung nach Posen und Amerika hat Steinau sehr stark gelitten. Wir hoffen aber, dass sich diese deutsche Gemeinde wieder von dem ihr durch gewissenlose Auswanderungsagenten zugefügten Schaden erholt; denn wo noch hundert Deutsche sind, dort ist noch kein verlorenes Land. Aus Steinau stammen der in Iglau (Mähren) ansässige Uhrmacher und Optiker Friedrich Rothaug, der Oberoffizial der Kaiser-Ferdinands-Nordbahn, Herr Jakob Rothaug in Brünn und der Bürgerschullehrer Herr G. Rothaug in Wien.
[Philipp Bechtloff]
Steinau 1909
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Gratitude for teacher grant
Source: Deutsches Volksblatt für Galizien, 31.12.1909, p. 10.
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Für den vom hochverehrten deutschen Schulverein in Wien der deutsch-evangelischen Schulgemeinde Steinau, Post Kamien für das Jahr 1909 gewährten Beitrag zur Erhaltung und Aufbesserung des Lehrergehalts von 100 Kronen, erlaubt sich das gefertigte Presbyterium seinen innigsten Dank abzustatten.
Steinau, den 27. Dezember 1909.
Für die Deutsch-evangelische Schulgemeinde Steinau:
Heinrich Rothaug, Kurator. Nikolaus Porth, Gemeindevorsteher.
Steinau 1910
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Local council election
Source: Deutsches Volksblatt für Galizien, 30.12.1910, p. 6.
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Gemeinderatswahl.
Was deutsche Einigkeit vermag, hat nun wieder die letzthin bei uns stattgefundene Gemeinderatswahl gezeigt. Unsere einst so schmucke deutsche Gemeinde hat durch die Auswanderungsbewegung in den letzten Jahren so stark gelitten, dass wir heute einer fünffachen Mehrheit von Masuren gegenüberstehen. Obwohl sich nun die Masuren wie ein Mann an der Wahl beteiligten, ist es uns doch gelungen, 7 Deutsche in den Gemeinderat zu wählen. Natürlich wurde von Seite der Polen ein Protest eingeleitet, welcher aber, da keine maßgebenden Gründe vorhanden waren, von der Bezirkshauptmannschaft zurückgewiesen wurde. Am 9. dieses Monats hat sich unser Gemeinderat folgendermaßen konstituiert: Nikolaus Porth, Gemeindevorsteher; Jakob Schneikart, 1. Stellvertreter; als 2. Stellvertreter haben wir selbst, um den Frieden in der Gemeinde zu erhalten, für den Polen gestimmt. Die Freude über diesen Erfolg, den wir nur unserer Einigkeit verdanken, ist bei uns sehr groß, denn damit ist es uns gelungen, Steinau auch weiterhin Deutsch zu erhalten. Ein kräftiges Heil allen unseren Brüdern, die uns dabei so wacker unterstützt haben.
Steinau 1911
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Founding of a Luther association
Source: Evangelisches Gemeindeblatt für Galizien und die Bukowina, Dec 1911, p. 13-14.
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Lutherverein.
Am Sonntag, den 19. November fand in der hiesigen evangelischen Schule die gründende Versammlung der Ortsgruppe Steinau des “Luthervereines zur Erhaltung der deutschen evangelischen Schulen in Österreich” statt. Zu dieser Versammlung waren sämtliche Steinauer Glaubensbrüder erschienen.
Herr Lehrer Gustav Daun besprach eingehend den Zweck des “Luthervereines” und dessen große Bedeutung für unsere deutsch-evangelischen Schulen. In kernigen Worten verstand er es nachzuweisen, wie notwendig es sei, diesem Verein beizutreten. Nach Verlesung der von der hohen k. k. Statthalterei bereits genehmigten Satzungen wurde einstimmig die Gründung der Ortsgruppe beschlossen, welcher dann auch alle anwesenden Glaubensbrüder beitraten. Die Wahl des Vorstandes hatte folgendes Ergebnis. Zum Obmann wurde Herr Philipp Herold, zum Schriftführer Herr Lehrer Gustav Daun und zum Schatzmeister Herr Philipp Preißler gewählt.
Möge die jüngste Luthervereins-Ortsgruppe Steinau wachsen, blühen und gedeihen zum Heil und Segen unseres deutsch-evangelischen Volkes!
Steinau 1911
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Visit of Bund agent Hans Linnert
Source: Deutsches Volksblatt für Galizien, 22.12.1911, p. 6.
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Auch in Steinau erwacht das völkische Leben. Als am 14. November der Wanderredner des „Bundes der christlichen Deutschen in Galizien”, Herr Hans Linnert auf seiner Reise durch die deutschen Kolonien im nordwestlichen Galizien auch unsere Gemeinde besuchte, da war die für 6 Uhr abends angesagte Versammlung im Schulzimmer recht gut besucht. Alle Steinauer Volksgenossen, Männer und Frauen, Burschen und Mädchen waren erschienen, um zu hören, was der Wanderredner erzählen wird. Herr Lehrer Gustav Daum begrüßte den Wanderredner namens der Steinauer Deutschen, worauf Herr Linnert in einer fast zweistündigen Rede den Zweck und die Aufgaben des Bundes besprach. Seine an die Anwesenden gerichtete Aufforderung zum Beitritt zum Bund fand bei allen Versammelten Gehör, denn sämtliche Volksgenossen traten dem Bund als Mitglieder bei, gewiss ein erfreuliches Zeichen und der beste Beweis dafür, dass die Steinauer treu an ihrem Volkstum festhalten. Hoffentlich werden die in Steinau noch ansässigen Deutschen nicht den restlichen Teil der hübschen Kolonie der Misswirtschaft der Masuren preisgeben und nach Posen oder Amerika auswandern. Dank dem festen Zusammenhalten der Deutschen hat die Gemeinde noch einen deutschen Gemeindevorsteher. Wenn auch noch in Steinau die Ortsgruppe des Bundes der christlichen Deutschen in Galizien gegründet wird, dann wird sicherlich die Zugehörigkeit zu dem großen deutschen Kulturvolk in den einzelnen Deutschen noch mehr wachgerufen. Heil den Steinauer Volksgenossen!
D.
Steinau 1912
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Founding of a Luther association
Source: Evangelische Kirchen-Zeitung für Österreich, 01.01.1912, p. 12.
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Lutherverein.
Am 19. November fand in der evangelischen Schule zu Steinau die gründende Versammlung der Luthervereinsortsgruppe statt. Zu dieser Versammlung waren sämtliche Steinauer Glaubensbrüder erschienen. Lehrer Gustav Daun sprach eingehend über den Zweck des Luthervereins und dessen große Bedeutung für das deutsch-evangelische Schulwesen in Österreich. Nach Verlesung der bereits genehmigten Satzungen wurde einstimmig die Gründung der Ortsgruppe beschlossen, welcher alle anwesenden Glaubensgenossen beitraten. Zum Obmann wurde Herr Philipp Herold, zum Schriftführer Lehrer Daun und zum Schatzmeister Herr Philipp Preisler gewählt.
Steinau 1912
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Theatrical performances
Source: Deutsches Volksblatt für Galizien, 08.03.1912, p. 3.
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Am 20. Februar veranstalteten die Deutschen in Steinau in dem großen Schulzimmer einen gemütlichen Unterhaltungsabend, bei dem auch 3 humoristische Theaterstücke gespielt wurden. Nicht nur alle Steinauer Deutschen, sondern auch viele Deutsche aus der Umgebung waren gekommen, um zu sehen, was die Steinauer Jugend leisten kann.
Der Unterhaltungsabend nahm seinen Anfang mit dem von dem gemischten Chor gesungenen Lied „Durch die Lüfte rauscht ein Mahnen”. Hierauf begrüßte der Ortslehrer im Namen der Veranstalter des Festes alle erschienenen Gäste. In seiner Begrüßungsansprache ermahnte er die Deutschen Steinaus, fest zusammenzuhalten an der vererbten Scholle der Väter, um allen Angriffen der hier in der Mehrzahl ansässigen Polen tatkräftig entgegentreten zu können. Darum sei es auch der Hauptzweck des Unterhaltungsabends, den Polen zu zeigen, dass die Steinauer Deutschen noch immer deutsch fühlen und noch am Leben sind. Hoffentlich werden die Polen einen zweiten Versuch, die deutsche Schule zu einer Sokolvorstellung zu bekommen, nicht mehr wagen, wenngleich sie sich auch mit Drohungen an dem „fanatischen” deutschen Lehrer rächen wollen.
Aufgeführt wurden folgende drei Theaterstücke: „Wer trägt die Pfanne fort”, „Der Schreiber in Hungersnot” und „Die Naturheilmethode”. Obgleich die Steinauer Jugend bei diesen Aufführungen das erste Mal auf die Bühne kam, spielte sie ihre Rollen doch mit der größten Geschicklichkeit. In den Pausen wurden völkische Lieder und gemischte Chöre gesungen.
Der Reingewinn, der durch den Verkauf von Bundesartikeln und schwarz-rot-goldenen Maschen erzielt wurde, betrug 12 Kronen und wurde in die Hälfte geteilt, dem „Bund der christlichen Deutschen in Galizien” und dem „Deutschen Schulverein” zugewiesen.
Heil den Steinauer Deutschen!
Steinau 1912
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School Association Festival
Source: Deutsches Volksblatt für Galizien, 21.06.1912, p. 2-3.
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Schulvereinsfeier.
Am Pfingstmontag wurde in Steinau der Gründungstag des Deutschen Schulvereins festlich begangen. Zum ersten Mal sah man an diesem Tag eine schwarz-rot-goldene Fahne an dem Schulhaus flattern. Trotz des ungünstigen Wetters traf am Nachmittag eine große Schar von Gästen aus dem benachbarten Königsberg ein. Um 3 Uhr nachmittags hatten sich schon alle Deutschen in dem geräumigen, festlich geschmückten Schulzimmer eingefunden. Das Fest wurde mit dem Lied „Das treue deutsche Herz” eingeleitet. Hierauf trugen die Schulkinder zu dem Fest passende Gedichte vor. An diese schloss sich ein Liederspiel an, dessen Abschluss das Lied „Frei und unerschütterlich” bildete. Hierauf hielt der Schulleiter Gustav Daum die Festrede. Von der Gründung des Deutschen Schulvereins ausgehend, besprach er den Zweck und die Aufgaben des Deutschen Schulvereins. Insbesondere hob er die Verdienste hervor, die sich dieser Schutzverein um die Steinauer Schule erworben hat. Mit einem kräftigen „Heil dem Deutschen Schulverein” in welches alle Anwesenden begeistert einstimmten, schloss Herr Daum seine mehr als einstündige Festrede. Der gemischte Chor sang hierauf das „Huldigungslied”. Nach einer kurzen Pause wurde ein Einakter, in welchem der Schulverein als ein wahrer Helfer in der Not gefeiert wird, und „Der getreue Eckart” aufgeführt. Nach den Aufführungen lud der Ortslehrer alle Anwesenden zu der abends stattfindenden Unterhaltung ein. Mit dem Lied „Wenn alle untreu werden”, wurde die Feier geschlossen. Um 8 Uhr abends hatten sich alle Deutschen wieder in dem Schulzimmer eingefunden. Auch für den Abend war fleißig und reichlich vorgesorgt worden, standen doch auf dem Programm 4 humoristische Theaterstücke. Es wurden nämlich vorgeführt: „Eine angenehme Überraschung”, „Lehrlingskonferenz”, „Eine Verlobung vor Gericht” und der „Eckensteher Nante im Verhör”. Letztere komische Szene verfehlte ganz besonders ihre Wirkung nicht. Das Lachen wollte kein Ende nehmen, als Herr Rollwagen als Eckensteher Nante die Bühne betrat, sich beim Herrn „Kriminell” anmeldete und diesem auf seine Fragen die verkehrtesten Antworten gab. An die Theateraufführungen schloss sich ein Tanzkränzchen an. Bei diesem wurde des Schulvereins abermals gedacht und eine Sammlung zu seinen Gunsten ergab den schönen Betrag von 10 Kronen 20 Heller. Es war recht erfreulich zu sehen, wie tief manche Volksgenossen in die Tasche griffen und ansehnliche Opfer brachten. Das erste Schulvereinsfest in Steinau wird wohl allen Teilnehmern in angenehmer Erinnerung bleiben. Der Reinertrag des Fests sowie die eingeleitete Sammlung wurden im Betrag von 35 Kronen dem Deutschen Schulverein eingehändigt. Heil dem Deutschen Schulverein!
Steinau 1912
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Expression of gratitude for teacher Gustav Daum
Source: Deutsches Volksblatt für Galizien, 12.07.1912, p. 4.
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Danksagung.
Für Herrn Lehrer Gustav Daum ist eine Danksagung eingelaufen. Besonders wird seine treue Pflege des Gesangs hervorgehoben. Heil Lehrer und Gemeinde!
Steinau 1913
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Visit of German school association teacher Karl Sonnenberg
Source: Deutsches Volksblatt für Galizien, 13.06.1913, p. 4.
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Auf seiner Reise durch die Deutschen Kolonien in Westgalizien besuchte der Wanderlehrer des Deutschen Schulvereins, Herr Karl Sonnenberg, auch unsere Gemeinde.
In Begleitung des Herrn Lehrers Kander aus Ranischau traf Herr Sonnenberg am Dienstag, den 27. Mai, nachmittags um 2 Uhr in Steinau ein. Um drei Uhr fand dann im geräumigen Schulzimmer der evangelischen Schule eine Versammlung statt, die leider wegen der dringenden Feldarbeiten schwach besucht war. Eingeleitet wurde die Versammlung mit dem Scharlied „Stimmt an mit hellem, hohen Klang”. Lehrer Daum stellte hierauf Herrn Sonnenberg den anwesenden Volksgenossen vor und begrüßte ihn, den Vertreter unseres großen Wohltäters, des Deutschen Schulvereins, im Namen aller Anwesenden aufs Herzlichste.
Herr Sonnenberg hielt hierauf einen längeren Vortrag über völkische Schutzvereinsarbeit und lud alle Volksgenossen zu dem Beitritt zum Deutschen Schulverein, dem größten der deutschen Vereine in Österreich, ein. Er richtete an das kleine Häuflein der Steinauer die Mahnung, auf der von den Vätern mit Mühe und Fleiß erworbenen Scholle auszuharren, damit die schöne Gemeinde mit der hübschen Schule und Kirche nicht ganz in die Hände der Polen übergehe. Reicher Beifall lohnte den Redner für seine Ausführungen. Lehrer Daum dankte dem Wanderlehrer für seine Worte und gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass Steinau noch lange als deutsche Kolonie in Galizien gelten werde. Er dankte weiters allen Anwesenden für ihr Erscheinen. Hierauf wurde die Versammlung mit dem Lied „Wenn alle untreu werden”, von der Steinauer deutschen Jugend vorgetragen, geschlossen. Herr Sonnenberg besichtigte in Begleitung zahlreicher Volksbrüder unsere stattliche Kirche, die er zu den schönsten evangelischen Kirchen in Galizien zählt.
Um sechs Uhr verließ unser werter Gast Steinau und in Begleitung der Herren Lehrer Kander und Daum fuhr er nach der Nachbarkolonie Königsberg.
Steinau 1913
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Visit of a hiking group
Source: Deutsches Volksblatt für Galizien, 22.08.1913, p. 4.
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Besuch. Kaiserfeier.
Am 18. August nachmittags gegen 5 Uhr erhielt unsere Gemeinde einen Besuch der aus Königsberg kommenden Fußwanderer, sechs an der Zahl. Nach dem Gottesdienst in der hiesigen evangelischen Kirche, der zu Ehren des 83. Geburtsfestes unseres Kaisers von unserem Herrn Lehrer Daum abgehalten wurde, fand abends eine sehr zahlreich besuchte Versammlung in der Schule statt. Nach den Begrüßungsworten des Herrn Lehrers Daum, nahm Herr H. Koch das Wort und wies auf den 18. August als Festtag hin, sowohl, weil an dem Tag unser Kaiser Franz Josef I. vor 83 Jahren das Licht der Welt erblickte, als auch, weil dieser Tag im Jahr 1907 der Geburtstag unseres Volksblattes ist. Ferner sprach Herr Koch auch über Ziel und Zweck der Fußwanderung, nationale Arbeit des deutschen Jungvolkes in Galizien, sowie über die Lage unserer durch Auswanderung geschwächten Siedlungen. Nach der Versammlung, die von 9.15 Uhr bis 10.15 Uhr abends dauerte, folgte ein gemütlicher Abend mit Spiel und Tanz, der sich bis spät in die Nacht hinzog und allen Teilnehmern noch lange im Gedächtnis sein wird.
Steinau 1913
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100th anniversary commemoration of the wars of liberation
Source: Deutsches Volksblatt für Galizien, 31.10.1913, p. 5.
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Gedenkfeier der Befreiungskriege.
Am Kirchweihsonntag, den 26., wurde in unserer Gemeinde eine schlichte Gedenkfeier der Befreiungskriege von 1813 abgehalten.
Um 2 Uhr nachmittags versammelte sich die Schuljugend in dem geräumigen Schulzimmer und bald hatten sich auch Männer und Frauen, Jünglinge und Jungfrauen hier eingefunden, um der schlichten Feier beizuwohnen. Schon lange hatte kein Tag unsere biederen Steinauer Schwaben so zahlreich zusammengebracht wie der diesjährige Kirchweihsonntag.
Die Festordnung enthielt Lieder und Gedichte aus jener Zeit, von den Schülern vorgetragen. Im Mittelpunkt stand die Festrede des Schulleiters Gustav Daum. In seinem Vortrag versetzte uns der Redner in die Zeit, wo die gepanzerte Hand des Welteroberers schwer und wuchtig auf Deutschland und auf unserm Vaterland Österreich lastete. Den Untergang der großen Armee in Russland schildernd, führte er uns im Geiste in die Städte Deutschlands, auf deren Straßen Jünglinge und rüstige Alte dahineilten, um als freiwillige Jäger an der Befreiung Preußens teilzunehmen. Dann führte uns der Redner auf die Ebene von Leipzig, wo am 16. bis 18. Oktober die ehernen Würfel der Entscheidung geworfen wurden und der gewaltige Koloss zur Erde fiel. Der Schluss der Festrede enthielt die Aufforderung an uns, unserem Volk und Vaterland stets die Treue zu halten.
Eine von Herrn Kurator und Gemeindevorsteher Nikolaus Porth eingeleitete Sammlung, ergab den ansehnlichen Betrag von 13 Kronen, welcher unserer Luthervereinsortsgruppe zugewiesen wurde.
Der Schulleiter dankte allen erschienenen Gästen für ihre Teilnahme an dem Fest und wünschte allen ein gesegnetes, deutsches Kirchweihfest.
Mit dem Lied „Nun danket alle Gott”, von den Schülern und den Festgästen gesungen, wurde die schlichte Feier geschlossen.
Steinau 1914
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Teacher Fritz Schneikart’s whitsun memories
Source: Deutsches Volksblatt für Galizien, 05.06.1914, p. 2-3.
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Pfingsten in meiner Heimat.
Von Fritz Schneikart – Jakobeny, Bukowina
Pfingsten, das herrlichste und lieblichste unserer Feste, war wieder gekommen. Die Natur hatte denn auch ihr allerschönstes Festtagskleid angelegt: Blütenkrone reiht sich an Blütenkrone, bald rosafarben, bald weiß, um die im Frieden des Feiertages daliegenden Gehöfte, ringsum aber, so weit das Auge reichen mag, die junge, grüne Saat, die sich im sanften Morgenwinde leise wiegt und weithin darüber ausgebreitet, ruht duftiger Schimmer, eitel Licht und Glanz! Lang, allzu lang, hat es in diesem Jahre gewährt, bis man mit Uhland sprechen konnte: „Die linden Lüfte sind erwacht, sie säuseln und weben Tag und Nacht”. Endlich haben sie aber doch die keimende Erde geküsst, sie wieder mit ihrem werbenden Wehen umschmeichelt und all die schlummernden Träume, die den langen Winter über in ihrem erstarrten Schoße gefangen lagen, befreit und hervorgelockt. So dürfen wir mit Uhland weiter sprechen „Die Welt wird schöner mit jedem Tag… Das Blühen will nicht enden”.
Alljährlich, wenn die Pfingsttage wiederkehren und ich mich in meinen freien Stunden dieser schönen Zeit erfreuen darf, da mir die weiche Frühlingsluft durchs Haar streicht und mir Stirn und Schläfen milde umfächelt, werden die schönsten Jugenderinnerungen in meiner Seele wach, die sich an die Pfingsten in meiner Heimat knüpfen. Dort, wo Weichsel und San sich vereinigen, in diesem Winkel dehnt sich eine waldreiche und fruchtbarste Ebene Galiziens aus. Da, unweit der Stelle, wo der Sanfluss auf einer kurzen Strecke die russische Grenze berührt, befindet sich eine zur Zeit Kaiser Josefs II. begründete deutschschwäbische Sprachinsel. Zu den schönsten der hier liegenden deutschen Gemeinden, von denen ihrer schönen Namen wegen noch Königsberg, Gillershof, und Reichsheim genannt werden sollen, gehört auch meine Heimatsgemeinde Steinau, eine wirklich sehenswerte, stattliche deutsche Niederlassung, die leider in den letzten 10 Jahren von der Auswandererbewegung sehr berührt wurde. Mitten im Dorfe, durch das eine schöne breite Straße führt, erheben sich die Schule und die Kirche mit hochragendem, weithin sichtbarem Turm.
Was für ein lebendiges Bild bot sich einem hier am Samstagnachmittag vor Pfingsten dar! Hunderte fleißige Hände regten sich. Nicht etwa bei schwerer Arbeit. Die ruhte heute. Straße und Höfe wurden von Mägden und Knechten gesäubert, was übrigens jeden Samstagabend geschah. Die Häuser, Zäune und Tore wurden mit Birken- und Tannengrün und mit Kränzen aus Feldblumen und Flieder reichlich geschmückt. Das war eine leichte, lustige Arbeit, bei der so manch heiteres Spaßwort gewechselt wurde. Auch das Gemüt war also „aufgeräumt”, Sorge und Kümmernis waren beiseitegestellt. Die Hausfrauen hatten vollauf in der Küche zu schaffen, um den Festschmaus vorzubereiten und die Kuchen fertig zu bringen, während die jungen Männer und Burschen vor dem Gemeindegasthause bei den lustigen Weisen der Dorfmusik unter Zuhilfenahme langer Scheren einen Tannenbaum aufstellten, der bis zum äußersten, mit Bändern reichgeschmückten Wipfel abgeschält und bis dahin mit breitem, schwarz-rot-goldenem Bande umwickelt war. Dies geschah bei recht viel gut geheucheltem Lärm, unter Ächzen und lauten Warnungsrufen in die Kreuz und Quer, um ihre Arbeit in den Augen der zahlreichen Gaffer als eine höchst beschwerliche und gefährliche dastehen zu lassen.
Was für große Augen die Hüterbuben machten, die erst nach Sonnenuntergang von der Weide heimkehrten, als sie diese Umwandlung wahrnahmen, kann man sich denken. Und erst das liebe Vieh, das sonst dem vertrauten Gehöfte sicher entgegenströmte, das stand, von dem ungewohnten Anblick beirrt, auf der Straße umher und konnte sich heute nicht zurechtfinden. Bald darauf ertönte die Abendglocke, ernst und feierlich und entblößten Hauptes betete jeder sein Abendgebet. Die Hüterbuben legten sich an diesem Abend als erste aufs Ohr. Denn demjenigen von ihnen, der am folgenden Morgen mit seinem Vieh als letzter auf den Weideplatz kam, stand große Schande und bitterer Spott bevor. Davor hat auch mir einmal gebangt, doch ich bin dieser Gefahr, dank der Wachsamkeit in unserem Hause, glücklich entronnen. Aus dem besten Schlafe wurde ich herausgerissen, in die Kleider gebracht und noch in schlaftrunkenem Zustande von dem Knecht, der alles andere schon vorbereitet hatte, aufs Pferd gesetzt. So kam ich mit meiner Rinderherde als einer der Ersten auf dem einige Kilometer vom Dorf entfernten Weideplatz an. Das war eine herrliche, ebene, ringsum von Hochwald umsäumte Waldwiese von ungefähr zwei Kilometern im Quadrat. Diesen Platz dürften schon die ersten Kolonisten vom Wald befreit und zum Weideplatz bestimmt haben.
Viele, die zum ersten Mal den Pfingstmorgen hier draußen erwarteten, hatte man glauben gemacht, dass sie ein herrliches Licht am östlichen Himmel sehen würden, ein hellbrennendes Lämpchen, wahrscheinlich, um sie neugierig und willig zu machen, recht früh auszurücken. Das ist vielleicht auch ein Volksglaube, der mit der Ausgießung des heiligen Geistes nach der Art, wie die Bibel sie erzählt, zusammenhängt. Etwas Derartiges war nicht zu sehen, aber ein herrliches Naturschauspiel bot sich uns dennoch dar: Wie sich der bleigraue Himmel in dem herrlichsten Frührot verfärbte und sich die Sonne wie ein großer glühender Ball, schwimmend im rotfarbenen Äther, langsam über die dunklen Tannenwipfel erhob. Dieser Anblick hat auf mein kindliches Gemüt einen Eindruck gemacht, der mir unvergesslich geblieben ist. Wer diesen schönen Morgen verschlafen und als Letzter den Weideplatz erreicht hatte, das war der Pfingstlümmel. Er bekam einen Brennnesselkranz umgehängt und wurde auf einen reichgeschmückten Esel gesetzt, zum Zeichen, dass dessen Faulheit gegenüber der seinigen noch belohnt zu werden verdient. Der Betroffene fügt sich still unter dem Eindruck, dass der Brauch das von ihm verlangte. So wird er unter großem Aufzug und lautem Hallo heimwärts und durchs ganze Dorf geleitet, wo man diesem Gaudium spalierbildend schon lange mit großer Spannung entgegensieht. Im Übrigen nahmen die Pfingstfeiertage den gewöhnlichen Festtagsverlauf.
Schon mehr denn zwanzig Jahre sind verflossen seit jener Zeit meiner Kindheit. Und doch weckt mir jedes Jahr die Pfingstzeit diese Erinnerungen immer wieder wach. Diese Sitten und Gebräuche sind doch ein starkes Band, das uns gar innig mit der Heimat verbindet. Alljährlich denke ich in dieser Zeit an mein stilles Heimatdorf, weitab von hier, und es erfasst mich immer ein mächtiges Sehnen, es noch einmal zu sehen.
Diese große Liebe zur Heimat liegt wohl schon im Gemüt des Deutschen. Ich weise da auf die Gemeinde Eisenau hin. Seit die dortigen Werke eingegangen sind, seit kein Hammerschlag jenes stille Tal durchklingt und hier kein Essenrauch mehr aufsteigt, ziehen die dortigen Kolonisten alljährlich in ferne fremde Länder, um Arbeitsgelegenheit zu suchen und doch wandern sie nicht aus, sondern kehren immer wieder zurück, um wenigstens den Winter auf heimatlicher Scholle zu verleben. Und als letzthin ein Illischestier Kolonist nach Amerika zog, da wanderte er noch einmal hinaus zum Wald, von drei schönen Trauerbirken, die ihm immer so gut gefallen, tränenfeuchten Auges Abschied zu nehmen. Ist das nicht ein schönes Zeichen von der Tiefe des deutschen Gemütes?
Es ist mein Wunsch, dass ein solcher Pfingstgeist in die Herzen aller deutschen Volksgenossen eingezogen sei. Möge er sie mächtig bewegen, sie zeitlebens durchglühen für die Heimat und ihr herrliches, teures deutsches Volk!
Steinau 1914
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Departure of teacher Gustav Daum and end of school year
Source: Deutsches Volksblatt für Galizien, 17.07.1914, p. 4.
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Schulschlussprüfung.
Am 29. Juni fand in der hiesigen evangelischen Volksschule die übliche Jahresschlussprüfung statt. Nicht nur die Väter, sondern auch die Mütter, Brüder und Schwestern der Schüler waren in dem festlich geschmückten Schulzimmer erschienen, um sich zu überzeugen, was die Schuljugend an Wissen im vergangenen Schuljahr zugenommen hat. Nach dem gemeinsamen Gesang von „Lobe den Herrn”, begann der Lehrer die Prüfung, die ungefähr zwei Stunden währte. Es war ein Genuss, zu sehen, wie eifrig die Schüler, besonders die kleinen „A-B-C-Schützen”, die an sie gerichteten Fragen aus allen Unterrichtsgegenständen beantworteten. Jeder Anwesende musste gestehen, dass die Leistungen der Schüler glänzend waren und dass das vergangene Schuljahr ein Jahr ernster Arbeit war. Große Freude strahlte auf den Gesichtern der Kleinen, als ihnen der Lehrer nach der Prüfung, volles Lob zollte. Die Freude schlug bald in ein tiefes Leid um, denn der Augenblick war gekommen, da der hiesige Lehrer Gustav Daum, der zum Oberlehrer der zweiklassigen Volksschule in Hohenbach berufen worden ist, nach dreijähriger Amtstätigkeit in unserer Gemeinde, von den Schülern Abschied nahm. Gar manche Träne rollte aus den Augen der Kleinen, als sie hören mussten, dass er heute zum letzten Mal als ihr Lehrer vor ihnen steht. Aber nicht nur die Schüler, die ganze Gemeinde sieht ihren Lehrer nicht gern scheiden, war er doch ihr bester Freund und hat er es verstanden, die Herzen Aller für sich zu gewinnen. Das bezeugten auch die Dankesworte des Herrn Kurator Nikolaus Porth, in denen er auf die Verdienste des scheidenden Lehrers um die Gemeinde hinwies und ihm im Namen der ganzen Gemeinde eine erfolgreiche und segensreiche Berufsarbeit in seinem künftigen Wirkungsort wünschte. Mit Gebet und dem Absingen des Liedes „Nun danket alle Gott”, wurde die schlichte Feier geschlossen.
Steinau 1915
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War damages
Source: Evangelisches Gemeindeblatt für Galizien und die Bukowina, 01.06.1915, p. 13.
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Wie uns Herr Obertierarzt Josef Schmidt vom Feldkanonen-Regiment Nr. 42, Feldpost 64, berichtet, war er am 21. diesen Monats in Steinau und fand, dass der Ort von den Russen stark ausgeraubt worden war. Pferde, Rinder, Hafer, Heu usw. waren weggenommen worden, Stiefel gestohlen usw. Die Schule ist ziemlich verwüstet, die Schul- und Küchenöfen zerschlagen, die Möbel des Lehrers zertrümmert und alle Schriften wurden vernichtet. Im übrigen steht der Ort unversehrt da.
Steinau 1915
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Fire disaster
Source: Evangelisches Gemeindeblatt für Galizien und die Bukowina, 01.07.1915, p. 18.
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Von befreundeter Seite erhalten wir folgende Feldpostkarte: “Im Felde, am 14. Juni 1915. …gestern, am 13. Juni 1915, wurde Steinau samt Kirche und Schule ein Raub der Flammen. Das Unglück soll durch Unvorsichtigkeit einquartierten Militärs entstanden sein.
Den Leuten ist einfach alles verbrannt, außer dem Vieh, das gerettet werden konnte. Heute war ich dort und sprach mit Herrn Heinrich Rothaug – die Leute standen vor der abgebrannten Kirche und konnten vor Weinen kaum sprechen. Von den 13 in Steinau gebliebenen deutschen Sippen sind 11 durch das Unglück schwer betroffen. Außer der evangelischen Kirche und Schule sind im ganzen 40 Wirtschaften abgebrannt. Hilfe wäre hier dringend not!…”
Steinau 1915
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Travel report by the general secretary of the Evangelical society pastor Monsky
Source: Ostdeutsche Rundschau, 19.08.1915, p. 3.
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Reisebericht vom Generalsekretär der evangelischen Gesellschaft in Österreich, Pfarrer Monsky aus Wien.
In Steinau fand ich besonders große Not. Die Kolonie hat durch die Auswanderungsbewegung, welche vor einigen Jahren stattfand und viele Grundwirte mit ihren Familien nach Posen geführt, schwer gelitten. Seit Jahren war sie ohne Lehrer und Pfarrer. Nun hatten die Russen in ihr, wie in anderen Orten, stehlend und plündernd gehaust. Dann war noch eine Feuersbrunst ausgebrochen, welche 37 Häuser, darunter fünf deutsch-evangelische, nebst der evangelischen Schule und Kirche in wenigen Minuten einäscherte. Für meine dortige Andacht gaben mir die Bilder, die sich meinem Auge boten, den richtigen Text: die 37 gegen Himmel ragenden Schornsteine, das Bild der Vergänglichkeit alles Irdischen und das einzig aus Kirche und Schule gerettete Gut, drei Kreuze und eine Schulglocke, das Bild der Unvergänglichkeit des durch das Kreuz offenbar gewordenen ewigen Lebens.
Steinau 1915
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Plans for rebuilding community structures after devastating fire
Source: Evangelisches Gemeindeblatt für Galizien und die Bukowina, 01.10.1915, p. 14.
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Am Samstag den 18. September erfreute uns unser Administrator Herr Pfarrer Czerwenzel aus Jaroslau mit seinem ersten Besuch. Im Haus des Gemeindegliedes Philipp Schneikart hielt er einen Gottesdienst ab. Es folgte eine eingehende Beratung des Presbyteriums, was mit dem abgebrannten Schulhause und dem ebenfalls abgebrannten Gotteshaus zu geschehen habe. Es sind verschiedene Pläne erwogen worden. Einer von ihnen ist, mit Rücksicht auf die durch Auswanderung sehr geschwächte Gemeinde, einen Teil der stehen gebliebenen Kirchenmauern und den ausgebrannten Turm abzutragen und den Rest zu einem Schulhaus, das zugleich als gottesdienstliche Stätte dienen soll, auszubauen. Natürlich könnte mit den Bauarbeiten erst im Frühjahr begonnen werden. Von den abgebrannten Evangelischen hat bisher nur einer eine notdürftige Hütte aufgebaut, die anderen warteten bisher vergeblich auf staatliche Bauunterstützung. Es ist Hoffnung vorhanden, dass ihnen diese wenigstens in Form von Darlehen zuteil wird. Die beiden von der Feuersbrunst verschont gebliebenen evangelischen Häuser beherbergen fünf Familien und eine Witwe. Die übrigen evangelischen Abbrändler sind notdürftig in polnisch-katholischen Häusern untergebracht.
Steinau 1915
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Travel report from pastor Heinrich Czerwenzel about the extent of destruction in the community
Source: Evangelisches Gemeindeblatt für Galizien und die Bukowina, 01.11.1915, p. 11-12.
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Nach fast vierstündiger Eisenbahnfahrt ist endlich die Eisenbahnstation Letownia auf der Linie Przeworsk Nisko erreicht. Die letzte halbe Stunde war hochinteressant. Aus den Fenstern meines Abteils waren so prachtvolle Unterstände zu sehen, wie ich sie bisher nur auf Bildern geschaut. Wie kunstvoll waren sie eingedeckt, wie entzückend waren die aus Rundholz sinnreich erbauten Hütten! Allmählich lernt man auch die Poesie der Schützengrabenanlagen verstehen.
Welch ein grauenvolles Bild bietet der Bahnhof! Die ganz ausgebrannten Ruinen ragen gespensterhaft in die verregnete Welt. Gleich hinter dem Bahnhof beginnt der Fichtenwald. Dort steht mein Fuhrwerk im Regen. Der nasse Strohsitz wird umgedreht, Herr Presbyter H. knallt mit der Peitsche so kräftig, dass der Regen sich einschüchtern lässt und sich in die Schützengräben verzieht. Bald zeigt sich sogar ein Stück blauen Himmels.
Der Wagen rollt durch ein ganz zusammengeschossenes Dorf. Nur die Kamine sind als stumme Zeugen vergangener Herrlichkeit stehengeblieben. Manche haben sich unter der Last des Leides, das sie sehen mussten, ganz gebeugt.
Bald sind wir wieder an prächtigen Unterständen. Man glaubts ohne Weiteres, dass hier kunstsinnige Leute gestanden – Edelweißkorps des Erzherzogs Josef Ferdinand – und dass der Stellungskampf hier lange gedauert und den Soldaten Zeit ließ, alles so hübsch zu machen.
Straße in Steinau
Wir fahren eine lange Straße, die zu beiden Seiten von Birken bestanden ist. Auch diese Bäume wissen viel vom Kriege zu erzählen. Durch ihre Kronen ist so manches Geschoss geflogen, ihre Rinde ist zum großen Teil zu Feldpostkarten verarbeitet worden…
Quer über eine Hutweide… Wie gut, dass man nicht zu Fuß zu waten braucht. Am Horizont erscheint Steinau. Ich suche mich innerlich ganz stark zu machen, um der Not, die es dort zu sehen geben wird, tapfer gegenüber zu treten. Wir biegen auf die sandige langgestreckte Straße ab. In der Ferne sieht man zu beiden. Seiten die Kamine der abgebrannten Häuser von Steinau. Vor den Ruinen der Kirche bleiben wir stehen. Welch ein erschütterndes Bild! Das war einst eine der schönsten Kirchen unseres Landes. Und heute? Das Dach ist ganz weggebrannt, die Mauern sind zum größten Teil erhalten geblieben, aber ganz rauchgeschwärzt, der Turm ist ganz ausgebrannt, am Kircheingang liegen die Reste des Glockenstuhles. Von der Glocke selbst ist nichts zu sehen. Bruderliebe hat viel Bausteine zu dieser Kirche hinzugetragen. Und nun ist die Kriegsfackel durch ihre Halle getragen worden. Alles was in der Kirche verborgen war, ist mitverbrannt…
Evangelische Schule Steinau
Schräg gegenüber stehen die traurigen Überreste der Schule. Das herabgestürzte Blechdach hat wie ein Totentuch einen Teil des Niedergebrannten zugedeckt. Zwei Kamine ragen in der Luft empor. Wie viele Kinder haben an dieser Stätte zur Zeit, da Steinau durch Auswanderung noch nicht so geschwächt war, guten Unterricht empfangen. Vor dem Kriege waltete hier ein besonders tüchtiger Schulmann seines Amtes. Vor kurzem war er auf Urlaub in Steinau. Dem Soldaten standen die Tränen in den Augen, als er dieses Bild sehen musste.
Bald sitzen wir in einer großen Stube. Der Kurator und andere Männer erzählen. Nur 2 evangelische Häuser sind verschont geblieben. In ihnen wohnen 5 Familien: eine hat sich eine notdürftige Hütte aufgebaut, drei wohnen bei polnischen Bauern, denen ja jetzt die Mehrzahl der “Nummern” von Steinau gehört. Im Ganzen sind von den 52 “Nummern” 39 niedergebrannt, davon nur 6 deutsche. Einst war Steinau ein rein deutsches Dorf. Ob das Brandunglück dem deutschen Steinau den Todesstoß versetzt hat? Wir haben lange beraten. Eine Schule, die zugleich als Betsaal dienen könnte, wollen die Leute auf jeden Fall bauen, vielleicht von den Ziegeln der Kirche. Ein ergreifender Gottesdienst in derselben großen Stube. Wir trösten uns an Jesaia 12, 1 u. 2. Zu derselbigen Zeit wirst du sagen: Ich danke dir, Herr, dass du zornig bist gewesen über mich, und Dein Zorn sich gewendet hat und tröstest mich. Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn Gott der Herr ist meine Stärke und mein Psalm, und ist mein Heil. Paul Gerhardts Glaubenslied: “Ist Gott für mich, so trete gleich alles wieder mich”, singen wir nach der Ansprache und dem Gebet. Ein weißköpfiger Greis, einige Männer, ein paar Frauen verschiedenen Alters, ein Dutzend Kinder: das ist fast ganz Deutschsteinau. Eine junge Frau ist tagszuvor von einer Kuh aufgeschlitzt worden. Ihr Vater hat sie nach Krakau auf die Klinik gebracht. Ihr Mann ist in Russland als Kriegsgefangener aus Przemysl, ihr Haus ist ein Schutthaufen, ihre vier kleinen Kinder sind nun ganz allein. Was doch Einzelne in dieser Kriegerzeit ertragen müssen. Einzelne Menschen und einzelne Dörfer…
[Czerwenzel]
Steinau 1915
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Letter and Donation from the Gustav Adolf Association
Source: Evangelisches Gemeindeblatt für Galizien und die Bukowina, 01.12.1915, p. 14.
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In welch rührender Weise der Zentralvorstand der Gustav Adolf Stiftung in Leipzig sich der kriegsgeschädigten evangelischen Gemeinden annimmt, beweist folgendes Schreiben an die abgebrannte Gemeinde Steinau (Pfarrsprenzel Ranischau):
“…Wir empfingen Ihr gefälliges Schreiben vom 31. vor 19. diesen Monats, in dem Sie uns die Ankündigung unserer vorjährigen Spende im Betrag von 100 Mark seitens des Wiener Hauptvereins mitteilen, und haben uns herzlich gefreut, von Ihnen ein Lebenszeichen zu erhalten, nachdem wir bisher von anderer Seite gehört hatten, dass die Schrecknisse des Krieges über Ihre teuere Gemeinde in verheerender Weise hereingebrochen seien, indem neben einer großen Anzahl von Häusern auch ihre Kirche und Schule ein Opfer des Feuers geworden sind, anderer großen Schäden und Verluste nicht zu gedenken. Wir sprechen Ihnen unsere aufrichtige glanbensbrüderliche Teilnahme an allen furchtbaren Erlebnissen aus, und indem wir der Hoffnung Ansdruck geben, daß Sie nicht verzagen, sondern voll Zuversicht der Zukunft ins Gesicht blicken werden, dürfen wir Ihnen versichern, dass wir Sie nicht verlassen werden, sondern im Maße unserer Mittel mit Freudigkeit werden aufbauen helfen, was zerstört wurde.
Als Ausdruck unserer Teilnahme fügen wir hier aus den Mitteln unserer Zentralkasse den Betrag von 500 Kronen bei, den Sie für laufende Bedürfnisse verwenden wollen…”
Steinau 1916
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Reconstruction
Source: Evangelisches Gemeindeblatt für Galizien und die Bukowina, 15.03.1916, p. 14.
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Zu den durch den Krieg am schwersten heimgesuchten Gemeinden unseres Landes gehört auch unser Dorf. Das kam uns bei einem Abendmahlsgottesdienst, den unser Herr Pfarradministrator aus Jaroslau am 5. März hielt, schmerzlich zum Bewusstsein. Da Kirche und Schulhaus abgebrannt sind, drängten sich gegen vierzig Personen in einer Stube, die als Andachtsraum diente. Bei der Spendung des heiligen Abendmahls musste ein Glas den Kelch und ein kleiner Porzellanteller die Patene ersetzen. Aber vielleicht war die Feier ob ihrer äußeren Dürftigkeit umso gesegneter. Trotzdem die Zahl der Männer im Dorf immer geringer wird, werden Vorbereitungen für den Wiederaufbau getroffen. Jede abgebrannte “Nummer” hat das nötige Bauholz für Wirtschaftsgebäude aus dem Gemeindewald kostenlos erhalten. Die Hilfe zum Wiederaufbau der Wohngebäude wird vom Staat erwartet. Für den Wiederaufbau der kirchlichen Gebäude kann leider aus dem Gemeindewalde nichts erwirkt werden, da die Evangelischen in Steinau leider seit der Auswanderung nur eine Minderheit bilden.
Steinau 1916
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Kirchweih festivities
Source: Evangelisches Gemeindeblatt für Galizien und die Bukowina, 15.11.1916, p. 10.
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Kirchweihfest.
Ein Kirchweihfest eigener Art feierten wir in diesem Jahre am 29. Oktober. Da unsere schöne Kirche noch immer in Trümmern liegt, fand der Gottesdienst in der großen Stube des Herrn Presbyters Fr. Schneikart statt. Gegen fünfzig Menschen drängten sich in den Raum und lauschten der Predigt des Herrn Pfarradministrators aus Jaroslau. Die meisten nahmen auch am heiligen Abendmahl teil, unter ihnen auch acht evangelische Kriegsgefangene aus den Kolonien an der Wolga. Sie gehören zu einer Gefangenenkolonne, die auf einem benachbarten Gut arbeitet. Der Zufall brachte sie einmal nach Steinau. Ihre Freude war unbeschreiblich, als sie dort Glaubensgenossen fanden. Ihre erste Frage war nach evangelischem Gottesdienst und evangelischer Abendmahlsfeier. Durch Verwendung des Herrn Kurators und Vorstehers Porth, der den weiten Weg zum Kommando der Gefangenenabteilung nicht scheute, wurde den evangelischen Gefangenen die Erlaubnis zur Teilnahme am Kirchweihgottesdienst erwirkt. Sie trafen bereits mehrere Stunden vor dem Gottesdienst in Steinau ein und füllten die Zeit bis zum Eintreffen des Pfarrers mit dem Singen unserer Kirchenlieder aus. Nach dem Gottesdienst wurden sie auf die evangelischen Häuser verteilt um eine Erquickung zu nehmen. Eine Stunde später kamen sie wieder in das Haus des Herrn Schneikart, wo wir bis spät in die Nacht mit ihnen zusammensaßen und ihren interessanten Berichten auch aus dem Leben ihrer evangelischen Gemeinden an der Wolga lauschten. Die gespendeten Neuen Testamente nahmen sie mit großer Freude an.
Steinau 1916
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Kirchweih festivities
Source: Deutsches Volksblatt für Galizien, 16.11.1916, p. 5.
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Kirchweihfest.
Wenn uns ja schmerzlich zum Bewusstsein kommt, dass unsere Kirche, eine der schönsten in unseren galizischen Siedlungen, dem Krieg zum Opfer gefallen ist, so ist es am Kirchweihfest. Da wird die Erinnerung an die opfervolle Bauzeit, an die Freude der Weihe, besonders lebendig und das Herz blutet einem beim Blick auf die traurigen Überreste des einst so stattlichen Gebäudes. Aber Kirchweih feiern wir doch. Nun zum zweiten Mal bereits ohne Kirche! Zu unserer Freude kam Herr Pfarradministrator Czerwenzel zu uns zur Feier. Eine große Stube im Haus des Herrn Schneikart sah eine zahlreich versammelte Gemeinde. Als ganz eigenartige „Kirchweihgäste” haben sich 8 deutschevangelische Kriegsgefangene eingefunden, die sich so brennend nach einem deutschen Gottesdienst sehnten. Sie arbeiten in der Nähe von Steinau und sind zufällig auf die deutsche Gemeinde aufmerksam geworden. Der Gemeindevorsteher erwirkte den russischen Volks- und Glaubensgenossen bei ihrem Kommando die Bewilligung zur Teilnahme am Gottesdienst. Viele Stunden vor Beginn erschienen sie in Begleitung eines deutsch-österreichischen Soldaten und harrten geduldig der Dinge, die da kommen sollten. Die Zeit verkürzten sie sich mit dem Singen unserer deutschen Kirchenlieder. Nach dem Gottesdienst wurden die aus den deutschen Siedlungen an der Wolga stammenden Glaubensgenossen auf einige Familien aufgeteilt, um dort gespeist zu werden. Dann kehrten sie wieder in das Haus des Herrn Schneikart zurück und wir saßen bis zum späten Abend zusammen und ließen uns von den 400000 Wolgadeutschen, ihren schönen Wirtschaften, dem ungemein fruchtbaren Boden, dem kirchlichen und völkischen Leben erzählen. Am nächsten Tag kehrten die „Russen” wieder in ihr Lager heim, dankbaren Herzens für die schönen Stunden, die sie in einer deutschen Gemeinde Galiziens hatten verleben durften.