Ranischau Newspaper Articles 1783-1899

Ranischau 1886

School history and finance

Source: Evangelische Kirchen-Zeitung für Österreich, 01.04.1886, p. 14-15.
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Von der evangelischen Schule.

Die alte hölzerne Kirche, das neue freundliche Pfarrhaus, ein ziemlich gut erhaltenes hölzernes Haus, der “Pfarrwitwensitz” und die evangelische Schule stehen nebeneinander in der Mitte der langen, linken Häuserreihe der Kolonie, versteckt hinter einer Allee hoher Pappeln, Birken und wilder Kastanien und umgeben von zahlreichen Obstbäumen der zwischen den Häusern liegenden Gärten. Stellt man sich vor eines der kirchlichen Gebäude und schaut die lange Straße entlang, so gewahrt man einen von kleinen Häusern gebildeten großen Platz, den sogenannten “Ring” von Ranizow. Ranischau, die deutsche Kolonie, und Ranizow, der polnische Marktflecken, mit schöner katholischer Kirche, k. k. Postamt und neugebauter, öffentlicher Schule, grenzen mit ihren letzten Häusern aneinander wie Bielitz-Biala, sind aber zwei selbstständige, politische Gemeinden, die eine deutsch, die andere polnisch. Der stete Handel und Verkehr, besonders an Wochenmarkttagen, haben die Grenzscheide zwischen beiden Orten beinahe völlig aufgehoben. Aber warum diese Skizze der Örtlichkeit? Nun darum, weil diese die ganze Gefahr für unsere deutsche, evangelische Schule ahnen lässt. Freilich, so lange sie aufrecht besteht, wird sie die geistige Grenzscheide zwischen hüben und drüben, die unleugbar gegenwärtig mit allen Merkmalen des Glaubens und der Nationalität vorhanden ist, gleichfalls aufrecht erhalten. Aber wie lange wird sie es können? Eine neue katholische, polnische Schule erhalten vom Staat, und ein altes, morsches, hölzernes, kaum bewohnbares Schulhaus, erhalten von 28 Familien, beide in unmittelbarer Nähe! “Zu was braucht ihr denn eine eigene Schule?” tönt der versucherische Lockruf den armen Evangelischen entgegen. “Schickt eure Kinder herüber zu uns! Ihr müsst ohnedies für unsere Schule 75% zahlen. Eure Lehrer, die nach kurzem Aufenthalt immer wieder das Weite suchen, weil sie das Gehalt von 60 fl. nicht bekommen können und in dem morschen Haus nicht wohnen mögen, könnt Ihr ja doch nicht erhalten! Und diese fortwährenden Vakanzen! Wollt ihr Euch wundern, wenn die Drohung zur Ausführung kommt? Ihr habt auch keine Lebensmittel, keine Schülerbibliothek, keinen Schulfond, wohl aber viele Missjahre und darum Wanderbereite – fort wo es besser ist! Doch, das braucht ihr nicht zu tun: gebt nur euren protestantischen Trotz auf!” Wir hören solche Worte, sinnen und fragen im Stillen, ja wie lange noch? Protestantischer Trotz! Altes, morsches Schulhaus! Du redest von alten Zeiten! “Die evangelische Trivialschule in Ranischau,” so erzählt die Schulchronik, “wurde laut hoher Gubernialverordnung vom 5. Juni 1789 und vom 19. November 1792, Z. 35528 bewilligt und gegründet. Der erste Lehrer im Jahre 1780 war ein gewisser Weigel, den Pfarrer Hofmann aus Lemberg gebracht haben soll”. Ihm folgten Martin Gehring, Josef Antler, Jakob Lorenz – der erste “geprüfte Normalschullehrer”, Christian Trakle, Bernhard Flammer, welcher “durch seine tätige Verwendung die Gemeinde wieder in den Besitz ihres im Jahre 1801 durch das Verwaltungsamt gewaltsamer Weise zum Offiziers-Quartier weggenommenen Schulhauses brachte.” Diesen folgten Friedrich Grub, Reinhard Müller, welcher es erlebte, wie am 16. Mai 1824 die Schule “von Christian Köhler, Senior und Distriktsaufseher, in Anwesenheit eines k. k. kreisamtlichen Beatmen visitiert wurde. Im nachfolgenden Jahre hat auch auch der Superintendent X. W. Stokmann die Schule visitiert.” Nach Müller folgten Johann Heinrich Hessler, Heinrich Kraushaar, Ferdinand Mayer, Georg Stwiertnia und im Jahre 1849 Georg Raschke, welcher aber erst mit Dekret vom 7. November 1861, Z. 1189 definitiv angestellt wurde.

Nach seinem im Jahre 1876 erfolgten Tode folgten rasch bis zum Jahre 1883 abermals eine stattliche Reihe von Lehrern und bis Anfang des Vorjahres wieder eine dreivierteljährige Vakanz. Ach, von wie viel Kampf, Not, Unterdrückung, Opfern und Tränen erzählst du altes Schulhaus! Und nun soll die Schulchronik einmal erzählen unseren Nachkommen, erzählen vom “protestantischen Trotz”, der hundert Jahre allen Schicksalsschlägen Widerstand geleistet hat und endlich gebrochen ist, zusammengebrochen mit dem alten Schulhaus? Der Grund zu einem “Schulhausbaufond” wurde in diesen Tagen mit 30 Mark vom Ansbacher Gustav-Adolf-Hauptverein gelegt. Der Zentralvorstand in Leipzig stiftete gleichfalls am Anfange dieses Monats einen “Lehrerdotationsfond” mit 1000 fl. Papierrente zur Erhöhung des Lehrergehaltes. Das Presbyterium in Ranischau gründete einen “Schuldotationsfond” mit 100 fl. zur Anschaffung von Lehrmitteln. Außerdem votierte der hochpreisliche Zentralvorstand zum dem nun schon 100 fl. betragenen Lehrergehalt 25 fl. “Personalzulage”. Nein, “protestantischer Trotz” du brichst nicht! Man stützt dich! Und dich altes Schulhaus stützen wir einstweilen noch mit Balken – der viele Schnell geht vom Dache ab, es wird möglich sein! Aber wie lange? Hilfe, ausgiebige Hilfe von auswärts tut not! Alles ist zu wenig! Rasch, ehe es zu spät wird! Was wird die Schulchronik erzählen?